Die Höllenhunde der Struktursemiotik
Der Kurs „Einführung in das Studium der Neueren Deutschen Literatur“ hat mich doch sehr ins Grübeln gebracht. Gegenstand der heutigen Sitzung war Eichendorfs „Mondnacht“. Ein sehr schönes Gedicht, wie ich finde, über romantischen Transzendenzvorstellungen in Bezug auf die Natur. Anhand dieses Gedichtes wollte uns Privat Dozent Dr.Hucke die Vorzüge der Struktursemiotik beweisen. Dazu muss man wissen, dass zu Anfang des 20.Jahrhunderts die vorherrschende Methode zur Interpretation Literarischer Texte die Textimmanente Interpretation war. Diese besagt, ein Text sei ein Kunstwerk und nur aus sich selbst heraus zu verstehen. Der Interpret müsse also nun selbst zum Künstler werden um „in den Text zu gehen“ und dessen Bedeutung herauszerren. Alle Kontexte werden dabei so weit das geht ausgeblendet. Das diese Methode ziemlich verklärt und das Auslassen, gerade der historischen Kontexte, eher Kontraproduktiv ist leuchtet wohl jedem ein. So haben denn die Literaturwissenschaftler die Struktursemiotische Methode entwickelt. Diese sagt jetzt, ein Text ist ein Geflecht von Zeichen, die man nur richtig deuten kann, wenn man sie in den richtigen Kontext setzt. Das man dabei auch selber von seiner Zeit und ääh seinem Leben beeinflusst ist, wird dabei, in der Theorie, sogar auch bedacht. Gar nicht so doof, ne. In der Praxis sah das allerdings etwas anders aus. Wir hatten also das Gedicht an das sich eine Interpretation eines gewissen Herrn Pfeiffer anschloss. Dieser schreibt: “Eichendorf beschreibt hier die Vereinigung des Selbst….“ Hucke: “Ja wie Vereinigung?“. In einem längeren Quasi-Monolog führt Herr Hucke nun aus, dass seiner Meinung nach an dieser Stelle jede Art von Vereinigung mit etwas anderem gemeint sein könnte, da ja kein Kontext vorliegt. Auf den Hinweis, dass das Gedicht doch der Kontext ist geht der Dr. gar nicht erst ein und fängt an über jegliche intuitive art des Interpretierens herzuziehen. Ich könnte hier noch weiter den Vorgang der Struktursemiotischen Textanalyse ausbreiten. Aber nur soviel. Wie eine Hyäne das Aas, zerfleischte Dr. Hucke diese vier Zeilen bis ihre Gebein abgenagt und jegliche inhärente Bedeutung verschwunden war. Am Ende war das Ergebnis, dass die erst Strophe eine tiefe Sehnsucht ausdrückt. Aha, na das wusste ich vorher auch schon. Allerdings konnte ich da nicht behaupten dies auch komplett ohne Verweise auf den gefühlten Ausdruck der durch die Wortwahl vermittelt wird zu belegen. Sondern mich ausschließlich auf historisch überprüfbare Fakten und die Grammatik zu berufen. Das Problem der Subjektivität bis zur Beliebigkeit scheint mir hier auch nicht aus der Welt geschafft sondern hinter scheinbar logisch begründbaren verfahren verborgen. Aber was ist so grundlegend verwerflich am intuitiven verstehen. Also dem natürlichen Vorgang des Verstehens, der ja automatisch einsetzt. Was ist Wissenschaftlich daran so zu tun als hätte dieser Vorgang gar nicht statt gefunden. Nackt und Vergewaltigt lag die erste Strophe der „Mondnacht“ vor mir. Und ihre Blutigen Überreste sprachen: “Seid ihr jetzt zufrieden?“ Wissenschaftlichen Theorien müssen scheinbar Dogmatisch sein.


5 Kommentare zu 'Die Höllenhunde der Struktursemiotik'
Ich glaub das ist das blöde an Geisteswissenschaften:
Ihr einziger Zweck scheint zu sein, sich selbst möglichst widerwärtig zu gestalten und eine Vorstellungs- und Ausdruckswelt zu schaffen, die nur selbsterkorenen Eliten zugänglich ist, den Einstieg in welche man nur durch Verkaufen seiner Seele erlangen kann.
Schöner Text zu dem Thema:
How to deconstruct almost anything:http://www.info.ucl.ac.be/people/PVR/decon.html
Wilkommen in der Welt der elitären Wissenschaftler!
Ich habe auch schon festgestellt, dass die meisten Professoren, Doktoren und ein paar Dozenten einen immensen Stock im Arsch haben über dessen Ausmaße man sicherlich struktursemiotische Interpretationen führen kann. Man darf den Kontext ja auch nicht außer Acht lassen…
Ich zitiere mal:
»Es war, als hätt der Himmel
Die Erde still geküßt,
Daß sie im Blütenschimmer
Von ihm nun träumen müßt.«
Die wissenschaftlichen Herangehensweisen aller geisteswissenschaftlichen Fachrichtungen zielen (afaik) grundlegend immer auf dasselbe ab: Die emotionale Distanzierung des professionellen Lesers (Betrachters) von der Materie. Intuitives Verstehen ist solange in Ordnung, wie man nur Konsument des Kunstwerks bleibt. Wenn man anfangen will, mit anderen in Diskurs zu treten oder selbst schaffend zu werden, reicht die subjektive Begriffswelt einfach nicht mehr aus; man muss ganz bewusst und konkret Handeln und Reden, und das funktioniert am besten über einheitliche Sachbegriffe.
Natürlich ist es vollkommen unmöglich, Begriffe wie »Himmel« oder »Kuss« emotional eindeutig festzuschreiben, geschweige denn mit so etwas zu arbeiten, ohne unglaublich schwammig zu werden oder Dogmen aufzustellen (zumindest nicht, ohne vorher die komplette Weltkultur einzuschmelzen und ein paar Generationen einheitlich konditionierter Weltbürger zu spawnen). Ich weiss nicht, wie schlimm das in den Literaturwissenschaften um sich greift, aber im Design gibt es mangels wissenschaftlicher Begrifflichkeit dieses unglaubliche Koksnasenslang-Denglish, das es uns allen erlaubt, hochbezahlt aneinander vorbeizureden.
vielleicht sollte ich doch nicht studieren und einfach nur ein paar euros verdienen.
Wäre mal interessant, ne Interpretation von so einem Professor über nen Slayer-Text zu lesen.