Exchangeable music for a superficial society

…oder auch Eurovision Song Contest genannt.

Irgendwie waren gestern abend auch meine sozialen Kontakte mangels Kommunikation einerseits und Müdigkeit meinerseits andererseits nicht gut bestellt, daher habe ich das Grauen doch tatsächlich im Fernsehen verfolgt. Sternburg Export macht halt alles erträglich.

Los ging das ganze zur perfekten “Samstag-abend-weggehen-verhinder” -Zeit um 21.00 Uhr aus dem schon durch Stefan Raab hinlänglich bekanntgemachten Istanbul, mit einem türkischen, aber englisch parlierenden Moderatorenpaar und der Siegerin des letzten Jahres. Danach begannen auch gleich die Beiträge der Teilnehmer auf den hilflosen Zuschauer einzuhageln, unterbrochen nur jeweils von kurzen, fantasymÄßig angehauchten Werbespots der türkischen Tourismusbranche, die einem die Schönheit des Landes näherbringen und das Bedürfnis wecken sollten, alle zukünftigen Urlaube doch bitte dort zu verbringen. Augenscheinlich hatten mehr als die Hälfte der 24 teilnehmenden Nationen auf ein ausschließlich schwules Publikum gehofft, es wimmelte nur so von gegelt-gefönten Schönlingen mit entweder fehlenden Hemdknöpfen oder zu kurzen Muskelshirts, die schnulzige Flachheiten vor sich hinträllerten. Wirklich herausheben konnte sich eigentlich keiner von ihnen, die Gesichter waren ähnlich austauschbar wie die Songs oder die Namen, lediglich die Österreicher fielen mit ihrer Boygroup durch besondere Geschmacklosigkeit auf, waren allerdings immerhin die einzigen, die Deutsch gesungen haben. Ansonsten vertrauen auch nur der französische und der spanische Schönling ihrer Landessprache, alle sonstigen Nationen sangen ausschließlich globalkompatibel Englisch mit diversen Akzenten. Ein weiterer Großteil der übriggebliebenen Teilnehmer vertraute bei ihrer Präsentation auf leicht bekleidete Frauen, entweder sehr jung oder auf sehr jung geliftet, ein wirklich großer optischer Unterschied existierte nichtmal zwischen der mit 16 Jahren jüngsten und der mit 38 Jahren ältesten Teilnehmerin. Auch die übliche begleitung von wenig bekleideten Muskelmännern war fast völlig identisch und nichts neues. Musikalisch varierten die Beiträge immerhin von kitschigen Schnulzen bis zu Stücken, die mit etwas reduziertem Gesang sicherlich 1990 gute Chancen am Autoskooter gehabt hätten. Wirklich herausragen konnten irgendwie nur wenige der 24 Nationen. Zum einen natürlich Deutschland wegen der optisch am wenigsten pompösen Präsentation, sie hätten wenigstens Elton als Bauchtänzerin dazustellen können. Weiterhin negativ auffällig waren die schon oben erwähnten Österreicher, wegen der 08/15 Boygroup, sowie der Beitrag der Urlaubsinsel Malta, ein von Ralf Siegel protegiertes Musicalduo, das wegen dem absolut höchsten Kitschfaktor des Abends auffiel. Optisch am meisten herausragend waren die Kostüme der siegreichen Ukrainer, bei denen ich zuerst dachte, Xena sei aus dem Schlechte-Nachmittags-Fantasy-Trash-Serien Container auferstanden, außerdem zeichneten sie sich durch die anstrengendsten Tanzbewegungen aus. Ihr Sieg zeigt mal wieder, dass sich körperliche Arbeit doch irgendwie lohnt. Meinem Musikgeschmack am meisten entsprechend war der türkische Beitrag, Ska vom feinsten mit orientalischen Elementen, und auch mit den irgendwie sympatischsten männlichen Teilnehmern. Die für diese Art von Musik sehr sehr hohe Platzierung zeigt auch, dass einige Teile der Fernsehzuschauer augenscheinlich die Nase voll von den pseudo-emotionalen austauschbaren Schnulzen haben. Das überdurchschnittlich hohe Abschneiden der Balkanländer mit ihren eigentlich keinesfalls überdurchschnittlichen Beiträgen lässt sich nur durch den Zusammenhalt der Balkanbewohner untereinander erklären, auch wenn man in den Nachrichten stets das Gefühl hat, diese Leute könnten sich untereinander nicht leiden, können sie augenscheinlich den Rest der Welt noch viel weniger leiden.

So, jetzt muss ich mittels viel schlechtem Punk, Metal, und Qualitätsnoise vom Diki den Leichengeruch von austauschbarer Schnulzenmusik aus meinem Gehirn vertreiben. Over und out.

8 Kommentare zu 'Exchangeable music for a superficial society'

hausschuh

Habe das auch alles mitverfolgt und war, was das Ergebnis angeht, doch ziemlich Überrascht.
Meine Favoriten waren (und somit meine Prognose fÜr’s Ergebnis): 1. Irland, 2. Zypern, 3. Deutschland, 4. Ukraine.

Aber damit lag ich ja wohl vollkommen falsch.

“Das Überdurchschnittlich hohe Abschneiden der BalkanlÄnder mit ihren eigentlich keinesfalls Überdurchschnittlichen BeitrÄgen lÄsst sich nur durch den Zusammenhalt der Balkanbewohner untereinander erklÄren”
Ich fand das im Ganzen ziemlich offensichtlich - auch die MÄnneken da Über uns.. Finnland, Schweden & Konsorten haben sich.. oh Wunder, immer die 12 Punkte reingedrÜckt.

Fragdieb

ja, im Grunde ist es eine ziemlich blÖde Idee, zu glauben, musikalische Leistungen bewerten zu kÖnnen, in dem man ein total beinflußbares und sowieso niemals objektives Medium wie BevÖlkerung entscheiden lÄsst.

shaly

haha.
wir haben es auch gesehen und sogar aus den niederlanden 49cent in max investiert, hat ja offensichtlich nicht allzu viel geholfen, aber WIR WAREN DABEI!!! Über den total angesagten modern talking beat in allen liedern haben wir auch mÜde gegrinst, am interessantesten fand ich diesen schwarzen hauch von nichts den ich-weiss-nicht-mehr-welches-land anhatte oder die griechen die …nun ja, lassen wir das. auffallend schlecht auch dieses russische kÜken… man sollte doch meinen, dass sie bei so vielen einwohnern jemand finden lassen sollte, der singen kann.

die tÜrkei war echt Überraschend gut. allerdings sollten sie mehr geld in stoff fÜr die kostÜme ihrer moderatoren/vorjahressieger investieren. der gelbe fummel war wenigstens eine nummer zu klein …ich will da echt mal in nÄchster zeit hin, glaube ich. nicht wegen der (HÄÄÄÄSSLICHEN!!) trailer, sondern weil mich die art, wie die tÜrkei sich prÄsentiert doch immer wieder erstaunt.

shaly

im Übrigen fand ich irland mehr als kitschig. wie alles andere auch.

Jan

Wasser predigen und Wein trinken! Ihr seid alle verdorben, hÖrt ihr? VERDORBEN!!

Fragdieb

sowieso…aber dadurch haben wir immerhin sowas Ähnliches wie nen Charakter, dass ist schon selten heutzutage

diki

Das Fernsehen Ist Dein Feind.

ernie

also ich bin deiner meinung, mir gefiel die TÜrkei auch am besten, den Rest konnte man weghauen. Einen sehr unterhaltsamen Beitrag hast du da geschrieben,lustig lustig!