Live 8 Berlin: irgendwie schizophren
Das Live8-Konzert in Berlin wurde schon im Vorfeld kontrovers diskutiert, vor allem der Veranstaltungsort. Letztendlich war es dann die Straße des 17.Juni zwischen Siegessäule und Brandenburger Tor, auf der das ganze stattfand. Dorthin machten wir uns dann Samstag Mittag zu 10 Leuten auf. 200.000 (laut offiziellen Angaben) Andere hatten augenscheinlich die gleiche Idee. Das erste, was uns auffiel, nachdem wir uns durch die Büsche im Tiergarten geschlagen hatten, um nicht ganz hinten zu landen, war, dass sich dieser Ort denkbar schlecht für eine solche Veranstaltung eignete, da die links und rechts von Bäumen gesäumte Straße des 17. halt nur die Straßenbreite zur Verfügung stellt, daher waren die 200.000 Leute auf ca 2 km Länge und vielleicht 20 m Breite gedrängt. Einen Blick auf die Bühne werfen konnten daher vielleicht 2% der Leute. Dummerweise waren die Videoleinwände halb in den Bäumen montiert und daher für viele Leute fast nutzlos. Auch der Sound ließ zu wünschen übrig, die Musik war zwar ganz gut zu hören, aber die Redebeiträge meist leiser als die Gespräche der mich umgebenden Leute.
Das, was sich für mich durch die ganze Veranstaltung zog, war der irgendwie schizophrene Charakter. Einerseits die bekannten Bands, die auftraten, und die Tatsache, dass 90% der Zuschauer wegen der Musik gekommen waren, andererseits die ständigen Mahnungen, dies sei kein Konzert, sondern eine Demonstration. Wenn dies eine Demonstration ist, darf ich dann Spaß haben? Wenn ich keinen Spaß haben darf, warum gibt es dann alle 25 Meter Bier im Ausschank und Caipirinha für schlappe 4,50€? Wenn diese Veranstaltung rein dem guten Zweck dient und nicht kommerziell sein soll, warum werden dann offizielle “Ich war dabei” T-Shirts für 15€ verkauft? Wenn das eine Demonstration sein soll, warum versucht Michael Mittermaier als Moderator dann verkrampft, Uraltwitze aus seinen Programmen an den Mann zu bringen?
Auch bei manchen Bands konnte durchaus der Verdacht aufkommen, sie würden nur spielen, weil ihnen das positive Publicity bringt. Juli und Silbermond sind garantiert nur deswegen aufgetreten, weil sie scheinbar im Moment überall auftreten, wo man sich von den Medien pushen lassen kann. Irgendwie passten Lieder wie “Geile Zeit” oder “Perfekte Welle” nicht wirklich auf eine solche Veranstaltung. Die Toten Hosen spielten sich scheinbar für ihren bezahlten Auftritt am Abend in Köln warm, dafür wenigstens Lieder, die zum Thema passten. Beim Publikum kam Audioslave’s Cover von “Killing in the name of” am besten an, jedenfalls bei den Leuten um mich herum. (Schade eigentlich, dass Audioslave nicht “Show me how to live” gespielt haben, es hätte zur irgendwie verwirrten Stimmung gepasst wie die Faust aufs Auge.) Allerdings habe ich auch nur die Hälfte der Veranstaltung mitgemacht, danach war unsere ursprünglich 10 Mann starke Gruppe in 2er Teams zerfallen, und wir beschlossen, wegen der zunehmenden Enge, schlechter Luft, schlechten Bands, eindeutig zu langen Umbaupausen mit noch öderen Einblendungen aus London auf halb sichtbaren Videowänden und einsetzendem Sonnenbrand nach Hause zu gehen.
Fazit: irgendwie war die Idee der Veranstaltung ja durchaus unterstützenswert, aber die Umsetzung eher stiefmütterlich und halbherzig.


31 Kommentare zu 'Live 8 Berlin: irgendwie schizophren'
“Killing in the name of” ist von Rage Against the Machine. Auch wenn Audioslave es bei Ihren Auftritten bisweilen spielen (da ja fast alle RATM-Mitglieder jetzt da spielen).
ich weiß…wenn du genau hinschaust, steht da “Audioslave’s COVER von …”…womit ich genau jenen Tatsachenbestand ausdrücken wollte.
das Rage against the Machine - Originial gefällt mir auch irgendwie etwas besser.
Ich habe mittlerweile den Eindruck solche veranstaltungen sind dazu da jungen Menschen vorzugaukeln sie täten etwas gegen das Unrecht in der Welt.
Ansonsten ist es doch das Selbe wie ein normales Festival. Wahrscheinlich glauben sogar die Musiker an ihr Politisches Engagement aber irgendwie…wie war das mit den Free-Tibet Festivals.
Eigentlich beruhigen hier nur Super-reiche Popstars ihr schlechtes Gewissen während sie ihre neuen Alben präsentieren.
der einzige Unterschied zu einem normalen Festival ist, dass auf einem normalen Festival die Bands länger als 15 Minuten spielen dürfen.
Ich hab im Radio Judith Holofernes scheisselabern gehört.
Zum kotzen: Von wegen morgen alle Rucksack packen und nach Schottland. Punk statt Pop und so.
Widerlich.
Ich glaube der Kapitalismus ist einfach soweit gekommen, dass er sogar mit seinen Gegnern Geld verdienen kann. Es ist nicht mehr so, dass man ‘Woodstock’ ausruft und irgendwelche Junkies Kofferaumweise Bier ankarren um sich den nächsten Schuss zu finanzieren, denn Cola, Pepsi und Co interessierten sich nicht für Hippie Getue. Heute sieht das so aus:
Es treffen sich mehr als 1000 Menschen wozu auch immer. Die haben sicher jeder 20€ dabei und kriegen bestimmt auch Durst! Dann verhökern wir das Bier für 4€ das Glas und verdienen ganz viel Geld damit - Scheißegal was die wollen! Wenn die sich gut fühlen geben die bestimmt auch 15€ für ‘n T-Shirt!
Wenn uns dann auch noch die Musikindustrie unterstützt und Bands wie Coldplay mit der gleichen Masche ‘Ich sag ich will anderen Menschen helfen und komme so an euer Geld und eure Sympathie’ durchkommen, dan können wir das auch!
Ich denke die Intention spielt hier eine große Rolle. Auch die letztendlichen Konsequenzen. Kann der Coldplay-Frontmann immer noch ruhig schlafen wenn er merkt, dass seine Platten sich besser verkaufen seitdem er gegen Musikindustrie, Armut und Hunger protestiert? Sollte er nicht das Geld, welches ihm ein gutes Leben beschert, dazu einsetzen Kindern in der dritten Welt zu helfen? Oder ist es ok, wenn man gute Dinge fordert, und sich damit letztendlich bereichert?
Na, nu lass Mal dir Kirche im Dorf.
Natürlich riechen Sachen wie Live8 ein bißchen streng, aber einzelnen Acts da niedere Beweggründe zu unterstellen geht ein bißchen weit.
Das traurige ist das was du im ersten Satz bemerkst: ALLES ist kommerzialisiert, streamlined, konsumfertig: Lebenseinstellungen, Protesthaltungen. Wenn einzelne Bands glauben, trotzdem irgendwie helfen zu können, meinetwegen.
Das ist trotzedem alles nur Symptom. Das eigentlich Übel sitzt viel viel tiefer.
Ich glaube dieser Prozess hat sich verselbstständigt. Jede mögliche Plattform die man wählen kann um sein immenses Geld für etwas gutes einzusetzen ist letztendlich auch immer kommerziell orientiert.
Ich habe den Coldplay typen auch auf Mtv gesehen wie er die Armut in Afrika begutachtet. Ich glaube er merkt selbst nicht mal, daß das ganze irgendwie…stinkt.
Vielleicht sind diese ganzen Stars zu verblödet vom Koksen.
Jan, du hast vollkommen recht. Ich habe auch nur diesen Weg benutzt um meine Agressionen gegen den Coldplay-Sänger zu artikulieren. Der geht mir ja mal sowas von auf den Sack! Die Musik fand ich in letzter Zeit gar nicht so übel, aber diese Sackfresse, diese Gesichtskirmes macht jede mögliche Sympathie zunichte.
Zuerst tönt Eins Live, Mtv und Viva Coldplay hätten so viel Streß mit ihrer Plattenfirma, da diese sie so komerzialisieren würden. Prompt gibts ein neues Album! Das verkauft sich dann super, da Coldplay ja wieder in aller Munde sind! Außerdem gibts im Moment so viele unendliche Medien, die Coldplay irgendwie pushen. Diese Jungs haben also Angst komerzialisiert zu werden? Auf einmal sieht man den Coldplay-Frontmann in Afrika Armut begutachten! Ja, das macht sich gut fürs Image! Vorher nichts und jetzt…
Naja, hiermit verschicke ich meine ganz persönliche metaphorische Briefbombe an die Band und hoffe, mit den Nägeln nicht zu sparsam gewesen zu sein.
außerdem fühlten sich Coldplay nach eigener Aussage vom CrazyFrog verarscht, weil der in den Charts höher platziert war als sie, das spricht ja auch nicht gerade für eine Kommerzialisierungsangst bei Coldplay.
wo kommt bloss euer zynismus her? ist es besser nichts zu tun? muss man denn alles immer ins negative ziehen? crazy germans, always the same..
wir sind zynisch, um nicht so zu sein wie du und dein Rest der Welt.
what? na dann viel spass dabei.. selten sowas blödes gehört.
verschieb die persönlichen angriffe auf mich bitte auf nächste woche, okay, ich hab im moment ziemlich miese Laune.
Weisst du cas, es ist allemal besser nichts zu tun und es auch so zu nennen, als zu sagen, man tue etwas ohne dass dabei etwas erreicht wird, oder man etwas ganz anderes erreicht, was der Grundintention widerspricht.
Vielmehr würde mich deine Meinung zu den Kritikpunkten die wir genannt haben interessieren. Also was meinst du, oder auch was tust du? Meinst du ein Medienereignis dieser Art verändert grundlegend irgendetwas? Ich sehe dort einfach nur viele Leute die mit einem unterstützenswertem Hintergrund einfach nur viele Dinge konsumieren. Aber ich glaube ‘Kosum gegen Armut’ bringt es nicht so wirklich…
Soweit ich weiß wurde schon viel Geld gespendet. Aber irgendwie ist das doch ein Fass ohne Boden.
Solange Afrika keine Möglichkeit hat sich am Internationalen Handel gewinnbringend zu beteiligen wird sich die Situation nicht grundlegend ändern. Und die Währscheinlichkeit, dass das geschieht ist doch gering.
Das gilt eigentlich für fast alle Staaten außer der G8. Äh…wage ich zu behaupten.
Ach genau. Und hinter kraulen sich Coldplay und Bill Gates gegenseitig die Eier und freuen sich was für gute Menschen sie doch sind.
ICH BRAUCHE NEUE SPORTSCHUHE ODER…ODER EINE COKE…ODER KOKS!
Update: laut irgendwelchen Nachrichten gestern im Fernsehen (allerdings Privatsender) soll Bob Geldorf wegen der Live8 Aktion für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen worden sein. WTF?
der veranstaltungort wurde kurzfristig geändert, weil berlin besorgt war. deshalb auch die 10% sicht auf die bühne. kann passieren..
so etwas auf die beine zu stellen, konzerte auf der ganzen welt, um aufmerksamkeit zu erregen, verdient doch auf jeden fall anerkennung.
you guys are the typical white, middleclass, bored piece of dumb that makes our everyday live so easy. thank you!
ausserdem habe ich hier niemanden persönlich angegriffen. aber jetzt tue ich es (s.o.).
Und du denkst, dass eine solche Veranstaltung die Wirtschaftlichen Probleme Afrikas lösen kann oder was?
Hier will ja keiner bestreiten, dass das im Kern schon eine gute Sache ist. Nur lösen Spendengelder einfach keine grundlegenden Probleme. Und das ein haufen reicher Säcke sich hinterher als gute Menschen produzieren tut sein übriges dazu.
3:0
naja, nicht ganz 3:0….es ging bei der Veranstaltung ausnahmeweise mal nicht darum, Spendengelder für Afrika zu sammeln, sondern eine politische Demonstration abzuhalten, die Politker dazu aufforden soll, mehr für Afrika und die wirtschaftliche Lage dort zu tun (zb Schuldenerlaß, wie Bob Geldorf ihn fordert).
Eigentlich ging es mir in dem Text auch nie darum, die Idee von Live 8 zu kritisieren, falls dass so klingt, war es nicht so geplant, mein Text beschäftigt sich lediglich mit meinen persönlichen Eindrücken der Berliner Umsetzung der Live8-Idee, die meiner Ansicht nach doch ein wenig anders hätte sein sollen.
you guys are the typical white, middleclass, bored piece of dumb that makes our everyday live so easy. thank you!
Wenn du deine Sprüche schon kopierst, übersetze sie wenigstens, damit’s nicht ganz so offensichtlich ist.
Ganz davon abgesehen hast du damit einfach unrecht.
ich kann auch schon in english schreiben, boy! nevermind..
wie meinen?
Woher ist der Spruch denn?
meine meinung: je größer heutzutage eine veranstaltung wird, desto mehr leute kommen und schreien “kommerz!”. ein event in dieser größe ist dazu verurteilt auch negatives feedback einzustecken. ich glaube aber auc dass es besser gewesen wäre, das live 8 nicht nochmal neu aufzukochen, jedenfalls nicht zu dieser zeit. dadurch hat das alte live 8 bei mir und wohl auch bei anderen nur an kultcharakter eingebüßt, wenn da heute jeder hanswurst auftreten kann.
@schettler:
der spruch kommt straight aus meinem hirn.
abschliessend will ich sagen, dass ich es einfach satt habe, dass ihr deutschen ständig an allem rummeckert, ohne selber aktiv zu werden.
wenn jemand etwas in die hand nimmt, meinen die meisten später sie hätten es so oder so (besser) gemacht. aber es geht eben um das machen!
action leute! go out and play! blinder aktivismus ist natürlich auch falsch, aber es wäre schön, wenn es mehr leute geben würde, die das internet oder ähnliches für andere sachen nutzen würden als langweillige blogs (ich meine NICHT speziell kackreiz.net) und pornofilme undsoweiter. zum beispiel hat es hier jetzt eine diskussion gegeben, was gut ist.
ich wünsche euch etwas schönes.
Danke, ebenso.
Hier wird recht viel diskutiert und alle Leute, die ich hier persönlich kenne, stufe ich persönlich als sehr aktiv ein, was so das tägliche Programm und Diskussionsfreudigkeit angeht.