MoersFestival 2004

Noch ca. 3h Zeit, bis mein Zug zurück nach Berlin abfährt, daher denke ich, ich kann noch schnell versuchen, eine Art Review zum 33. Internationalen New Jazz Festival Moers zu schreiben. Vorsicht, der Text könnte länger werden.

Freitag

Da mein Vater bei fast jedem Moers Festival seit 1972 mindestens jeweils an einem Tag dort war, war der Besuch auch dieses Jahr quasi obligatorisch. Daher hatten wir vereinbart, uns am Duisburger HBF zu treffen, um von dort aus nach Moers zu fahren. Dummerweise verzögerte sich das ganze aber wegen einem Stau auf der A43, in der daraus resultierenden Wartezeit von einer Stunde hatte ich gut Gelegenheit, den Duisburger Bahnhof und die sich dort aufhaltende Bevölkerung in näheren Augenschein zu nehmen. Wegen dieser gigantischen Verspätung haben wir auch leider die am Freitag als erstes auftretende Band verpasst.

Los ging es dann für uns mit der Band Topaz, einer 4 Mann starken Jazzformation aus den USA, mit der Instrumentierung Cello, Bass, Schlagzeug, Saxophon. Diese 4 hatten sich für ihre Musik zwar nichts wirklich innovativ Neues oder Spektakuläres einfallen lassen, beherrschten aber ihre Instrumente (wie fast alle in Moers auftretenden Künstler) mit großer Perfektion, und zeichneten sich durch gekonntes Zusammenspiel und Improvisiation aus. Als wirklich auffällig habe ich ansonsten nur den mit sehr großen Gesten spielenden Drummer im Kopf behalten.

Danach wurde es Zeit für den Höhepunkt des Abends: Helge Schneider solo. Mit einem Wort zusammengefasst: Bizarr. Das Festivalzelt füllte sich während des Soundchecks bis zum allerletzten Platz, während hinter dem Vorhang vor Blicken geschützt Helge testweise Geräusche mit seinen mitgebrachten Instrumenten machte, und in seiner Art Sachen wie “s, s, t, t” vor sich hinbrabbelte. Dies veranlaßte das Publikum bereits zur Begeisterung, und zu Rufen wie “Helge, ich will ein Kind von dir!”. Als sich der Vorhang endlich öffnete, erschien der Meister in Motorradkluft, und begann auch gleich damit, von einem seiner mitgebrachten Instrumente zum nächsten zu rennen und auf jedem davon kurze Samples zu spielen. Mitgebracht hatte er: 1 Flügel, 1 Vibraphon, 1 Schlagzeug, 1 Keyboard mit Hammond-Orgel Sound, 2 Gitarren, 1 Saxophon, 1 Harmonica, und diversen weiteren Kleinkram wie Rasseln, Glockenspiel und andere Klappergeräte. Nachdem er das Rumrennen-Spielen-weiterlaufen-Spiel eine Weile getrieben hatte, zog er Motorradkluft und Helm aus und einen Strohhut auf und begann, auf dem Piano durchaus virtuos ein Stück zu spielen, unterbrach sein perfektes Spiel aber immer kurz, um mal zur Rassel zu greifen oder auf das Glockenspiel zu schlagen oder Vibraphon-Klangstäbe auf die Saiten des Flügels zu legen. Danach beschloss er, uns “ein paar Klänge auf der Gitarre vorzustellen, die ihm gefallen haben, als er die Gitarre gekauft hat”…gesagt, getan. Danach noch ein ausschließlich aus Schlagzeug und Stimme bestehendes Stück zu den Worten Zeit/Keine Zeit, und dann kam ihn auch schon der Teufel im roten Gewand holen und schleppte ihn hinter die Bühne. Allerdings konnte er sich den Begeisterungsstürmen im Publikum nicht wirklich entziehen, und musste doch noch mal raus, um Zugaben zu spielen. Aber wie er selbst schon im Programmheft zitiert wurde: “Auftreten macht Spaß!”

Den Abschluss des Freitages bildete das Arab Orchestra of Nazareth, ein israelisches Orchester, in dem Angehörige sowohl der christlichen als auch der jüdischen als auch der islamistischen Religion friedlich und perfekt zusammenwirken. Besetzt mit klassisch arabischen akustischen Instrumenten und einer wundervollen Gesangsstimme, schufen sie eine orientalische Klangwelt. Leider war die Platzierung im Programm direkt hinter Helge im Programm sehr unglücklich, da der Kontrast zwischen diesen beiden Musikstilen kaum größer hätte sein können, und es fehlten auch irgendwie Hintergrundinformationen zu den gespielten Stücken (das Programmheft gibt, trotz 84 Seiten Umfang, nicht viel in dieser Hinsicht her). Daran lag es wahrscheinlich auch, das ich das Gefühl nicht loswurde, dass die Musiker eigentlich immer das gleiche Stück vorspielen würden.

14 Kommentare zu 'MoersFestival 2004'

exelsior

schade das ich kein held bin,habe nur seit 1 gelesen und die anderen beiden überflogen :)
aber ich hab die ganze camper sippe vom jazz auch erlebt,morgens auf dem weg zur arbeit und auf dem rückweg.die kamen immer in unser hotel zum klogang,der ihnen aber leider immer verwehrt wurde,worauf dann meist ein fluchen a la “wie freundlich,meinste du bist was besseres” in richtung des rezeptionisten ging.

Jan

Klingt als wars ne gute Entscheidung die 30€ für Helge NICHT auszugeben.

exelsior

du bist doch voll der helge fan,deine entscheidung überrascht mich herr steinbart

Jan

Aber 30€ sind ne Menge Geld
Und nach der Beschreibung von Fragdieb war das Konzert ja nicht so umfangreich.

exelsior

aber wenn die besucher ausser sich waren,wird das schon n grund haben

shaly

ich wollte immer mal dahin nursoschaunrumgammelnundso. also ohne 30€. habbich aber nie geschafft. schon traurig, wenn man die räumliche entfernung bedenkt… naja. nächstes jahr.

Jan

Helge Besucher sind immer ausser sich

Shaly: da bist du nicht die einzige. Hab gehört dies Jahr war’s so voll wie nie.

Fragdieb

für Helge allein wären die 30 Euro wirklich zuviel gewesen, grob geschätzt hat er nicht mal ganz 60 minuten auf der Bühne verbracht (ohne Soundcheck).

felix

ich hab rumgegammelt und irgendwie den eindruck gehabt das viele leute dort gammeln und gar nicht ins teure zelt rein gehen wollen sondern lieber 2^64 paletten drogen zu sich nehmen.

Fragdieb

stimmt auch…Zelten ist da schließlich für lau.

Jan

Aber Drogen nehmen kann ich auch zuhause

Jan

Bzw. an der Sechs-Seen Platte

Fragdieb

aber da sind keine 2^16 anderen Leute da, die das gleiche tun.

Jan

EBEN!!